Syrien: Das Endzeit-Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts? Eine Dystopie

Chemie-Waffen, menschliche Schutzschilde, Enthauptungen im Namen des Islam. In Syrien tobt seit 2011 ein brutaler Bürgerkrieg, in dem auch die USA und Russland mitmischen. Neben den Islamisten des IS und dem Diktator Assad verbreiten nun wohl auch Anarchisten und Neonazis Angst und Schrecken

Dystopie Syrien
Anhänger der al-Nusra-Front in Maarat, Syrien im März 2016 (von Voice of America, cc)

Herbst im Jahr 2012. Im Politik-Leistungskurs eines Braunschweiger Gymnasiums ist Terrorismus das Thema der Stunde. „Was würdet ihr gegen Terrorismus tun?“, fragt der Lehrer in die Runde. Die Schüler diskutieren. Ein blasser Junge mit blonden Haaren und blasser Haut meldet sich und sagt: „Ich würde einen Staat für alle Terroristen und Extremisten errichten lassen, in dem die sich gegenseitig bekriegen können. Vielleicht eine Insel wie Madagaskar oder so.“ Einige Schüler schauen ihn verwundert an. Einer entgegnet „Wer soll denn dann entscheiden, wer Terrorist ist und wer nicht?“ Der blasse, blonde Junge darauf: „Alle die terroristisch oder extremistisch sind, werden abgeschoben, viele würden bestimmt auch freiwillig dorthin gehen, weil sie Blut vergießen wollen.“

Immer mehr Kriegsparteien

Dystopie Syrien
Die Konfilktparteien in Syrien: Rot das Assad-Regime, gelb die Kurden, grün verschiedene Rebellengruppen, grau der IS, weiß die al-Nusra Front. Stand August 2016, Grafik von Ermanarich

 

Als diese Diskussion stattfand, war noch keine Rede vom Krieg in Syrien, der 2011 begann, oder vom sogenannten Islamischen Staat (IS). Der Politikunterricht – traditionell langsamer als die aktuellen Nachrichten – beschäftigte sich noch immer mit Al-Qaida. Jetzt, im Jahr 2017, tobt der Konflikt in Syrien noch immer, vielmehr setzt der syrische Diktator Baschar al-Assad weiterhin Chemie-Waffen gegen die Zivilbevölkerung ein. Die USA unter Trump reagieren mit Bombenangriffen und haben ein stärkeres militärisches Engagement in Syrien angekündigt. Auch Russland hat nach wie vor seine Finger im Spiel und unterstützt Assad mit Truppen. Der Islamische Staat hält, wenn auch inzwischen dezimiert, noch immer ein Gebiet, in dem er die menschenverachtenden Regeln seines Kalifats durchsetzt. Die Rebellengruppen sind zersplittert, es gibt keine einheitliche syrische Befreiungsarmee, sondern islamistische Milizen, wie die al-Nusra-Front, gemäßigte Rebellen und von Saudi-Arabien unterstützte streng muslimische Gruppen. Eine westliche Allianz gegen den IS aus über 60 Staaten (auch Deutschland) unterstützt die USA; der Iran und irakische Schiiten unterstützen wiederum Russland und Assad. Dann sind da auch noch die Kurden, die mit der YPG, dem syrischen Ableger der PKK, gegen das Assad-Regime und den IS kämpfen (Eine grafische Darstellung der Konfilktpartien findet ihr hier). Der „Tagesspiegel“ und das Magazin „Vice“ meldeten nun, dass angeblich anarchistische Gruppen aus dem linksextremen Spektrum ebenso wie einige Rechtsextremisten aus Europa nach Syrien ausgezogen sind um an der Seite der Kurden zu kämpfen. Ein Propagandavideo zeigt das, wenngleich die tatsächliche Präsenz dieser Gruppen in Syrien fraglich ist.

Die Dystopie: Einöde ohne Zivilbevölkerung

Die Situation in Syrien gleicht immer mehr einer Dystopie, einer schlimmstmöglichen Vision der Zukunft. Der Krieg dort, ist der mit Abstand blutigste Konflikt des 21. Jahrhunderts. Allein 2011 bis 2015 sind nach Schätzung des „Syrian Center for Policy and Research“ rund 470.000 Menschen am Krieg und seinen Folgen gestorben. Nahezu 50 Prozent der Bevölkerung (rund 11 Millionen von rund 24 Mio Menschen) sind innerhalb des Landes auf der Flucht oder haben sich ins Ausland abgesetzt. Das Verhalten der USA und Russland erinnert an die Stellvertreterkriege im Kalten Krieg. Der „Spiegel“ suggerierte sogar, dass die Situation in Syrien wegen der großen Anzahl an Akteuren fast einem Dritten Weltkrieg gleiche. Ein Ende des Krieges scheint selbst im Falle eines Sturzes von Assad oder der Vernichtung des IS unwahrscheinlich, da es keine Bewegung gibt, die groß genug wäre, um das entstehende Machtvakuum zu füllen. Wie wird sich der Konflikt in Zukunft entwickeln? Das Szenario, dass der blasse blonde Schüler als Lösung formulierte, könnte zu einer Dystopie werden, die folgendermaßen aussieht: Syrien als internationales Endzeit-Schlachtfeld, auf dem alle ideologischen und politischen Machtkämpfe ausgefochten werden. Nachdem nicht nur islamistische Extremisten aus allen Teilen der Welt ausgezogen sind, um das Kalifat des IS zu unterstützen, strömen nun auch Linksextremisten und Anarchisten aus Europa nach Syrien, da sie hoffen aus den Trümmern eine Herrschaft ohne Hierarchie errichten zu können. Neonazis und Rechtsextremisten mischen sich ebenfalls unter die Akteure. Sie glauben das christliche Abendland zu verteidigen, in dem sie gegen den IS kämpfen. Unter der Zivilbevölkerung sind nur noch diejenigen übrig geblieben, die entweder nicht fliehen können oder jene, die vom Krieg profitieren. Hilfsnetzwerke wären machtlos, da sie von Terroristen unterwandert und attackiert würden.

Waffentests und Atombombe als Ultima Ratio

Schließlich würden die USA oder Russland, die sich noch immer gegenseitig indirekt bekriegen, zunächst neue Waffen testen und als letztes Mittel einen atomaren Präventivschlag in Betracht ziehen. Syrien würde zu einer nuklear verseuchten No-Go-Area werden. Die Wiege der Zivilisation in der einst Landwirtschaft und Schriftsprache entstanden, würde zum Exempel für den Selbstzerstörungswillen des Menschen.

Der Krieg in Syrien hinterlässt Schutt und Asche: Aleppo im März 2013 (von Basma, wikimedia)

Die Idee des blassen pickligen Jungen wäre ohne staatliche Organisation wahr geworden, doch seine Vision würde den Terrorismus nicht beenden. Welche Folgen der Krieg in Syrien für Europa hat, ist genau wie eine realistische Einschätzung der Entwicklung des Konfliktes, nicht abzusehen. Sicher ist, dass viele der Kämpfer die in Zukunft nach Syrien ausziehen, egal ob Dschihadist, Anarchist oder Neonazi, zurückkehren werden.

Ich musste beim Schreiben des Artikels oft an diesen Song von Chefket denken:


Anmerkung: Der Autor nimmt Anteil am Leid der Hinterbliebenen der Kriegsopfer in Syrien und ist sich der humanitären Katastrophe die dort stattfindet, im vollen Umfang bewusst. Die hier dargestellte Dystopie soll auf den ohnehin desaströsen Zustand in Syrien aufmerksam machen und zum Handeln anregen, den Krieg zu beenden und der Spaltung der Gesellschaft durch Terrorismus entgegenzutreten.

Das Titelbild des Beitrags stammt vom Ministry of Defence of the Russian Federation (http://mil.ru/index.htm) und zeigt russische Soldaten in Aleppo Es wurde im Dezember 2016 veröffentlicht.

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