Barbaren (Netflix): Germanen gegen Römer. Ein "Vikings"-Abklatschin feinster Guido Knopp-Manier

„Barbaren“ – Wikinger, Mythen und viel Guido Knopp


ENTHÄLT KEINE SPOILER: Von Stammesfürsten, Thingstätten und alten Göttern: In der Netflix-Serie „Barbaren“ geht es um die germanischen Stämme, die Rom in der Varusschlacht besiegten. Netflix deutsche Antwort auf „Vikings“ ist die Serie aber kaum. Doch was haben Schulgeschichtsbücher, Mythen und Guido Knopp damit zu tun?

Eine Legation von schwer gepanzerten Römern reitet in ein germanisches Dorf ein und fordert Tribut. Sie treffen auf in Lumpen und Pelze gekleidete Dorfbewohner. Der Legat fordert: Kühe und Korn sollen die germanische Stämme ab jetzt an das Römische Reich abtreten. Ein Stammesführer will das nicht hinnehmen, er ruft zur Stammesversammlung und zur Rebellion gegen das römische Imperium auf. Das ist die erste Szene aus „Barbaren“.

Die Netflix-Serie „Barbaren“ (original: „Barbarians“) ist die nächste große deutsche Serienproduktion mit internationalem Zuschaueranspruch nach dem Riesenerfolg des Sci-Fi-Mystery-Krachers „Dark“. Diesmal geht es um die Varusschlacht, jene legendäre Niederlage der Römer im Jahre 9 n.Chr. in Kalkriese am Teutoburger Wald. Dort verlor der römische Feldherr und Ex-Konsul Publius Quinctilius Varus (Gaetano Aronica) gegen einen Verbund germanischer Stämme, angeführt vom Cheruskerfürst und ehemaligen römischen Ritter Arminius (Laurence Rupp). In „Barbaren“ dreht sich alles um die Frage, wie die germanischen Stämme sich zusammenrotten und schließlich die Weltmacht Rom besiegen. Die Autoren (Andreas Heckmann, Arne Nolting, Jan Martin Scharf) schreiben diese Geschichte nun in einen Serien-Blockbuster um. Hauptrollen sind neben Arminus der Jäger Folkwin Wolfspeer (David Schütter) und seine Geliebte Thusnelda (Jeanne Goursaud) .

In „Barbaren“ sprechen die Römer klassisches Latein und die „Germanen“ hochdeutsch.

Guido Knopp lässt grüßen

Die Serie versucht sich artig, an eine historisch korrekte Darstellung der Ereignisse zu klammern. Darunter leiden an mancher Stelle die Dialoge, wirken eher wie aus einem pädagogisch-konstruiertem Schultheaterstück, als aus einem Serien-Blockbuster. Beispiel gefällig? Der Stammesfürst und Arminius‘ Vater Segimer (Nicki von Tempelhoff) sagt beim „Thing“, einer Volksversammlung verschiedener Stämme, dass die Römer nun Abgaben von den Germanen fordern würden. Da wirft ein anderes Stammesoberhaupt ein: „Germanen? Seit wann sind wir Germanen?“ Segimer antwortet: „Die Römer nennen uns so, weil sie uns nicht unterscheiden können“. Das andere Stammesoberhaupt entgegnet: „Ich habe mit euch Cheruskern nichts gemeinsam“.

Ein Serienhit produziert für Lateinunterricht

So weit, so historisch korrekt [1]. Doch es wirkt mehr wie ein Dialog zwischen Geschichtslehrer und Schüler, mehr wie eine jener schlimmen Reenactment-Szenen aus der Infotainment-Serie „Die Deutschen“ des Fernsehhistorikers Guido Knopp (ZDF). Übrigens sprechen die Römer in „Barbaren“ sogar Latein. Doch nicht jenes in der Aussprache eingedeutschte Schullatein, sondern ein – wohl historisch akkurates – Latein mit eher an das italienische erinnernder Aussprache. Der Althistoriker und Lateiner weiß dabei die Korrektheit der Sprache – bei einer toten Sprache wie Latein nicht ganz einfach – zu gefallen.

Die Römer aus „Barbaren“ – ganz wie wir sie aus Guido Knopps Infotainment kennen. (c) Netflix

Auch optisch loben Geschichtsnerds die weitestgehend historisch-akkuraten Requisiten. Tatsächlich holten sich die Producer der Serie bei den Kostümen Hilfe von der Firma „Kaptorga“. Diese bietet „Dienstleistungen für historische Medienproduktionen“. Dabei arbeitet die Firma auch für eben jenen Reenactment-Dokus wie „Die Slawen – unsere geheimnisvollen Vorfahren“ [2]. „Kaptorga“ hat geliefert wie bestellt und so wirkt „Barbarians“ wie eine Ausgabe von Guido Knopps‘ „Die Deutschen“ mit erhöhtem Budget und Spielfilmschauspielern statt Laiendarstellern.

„Löblich, löblich“, denkt sich der Historiker beim Schauen von „Barbarians“. „Langweilig, langweilig“, mag der ein oder andere Zuschauer denken, der einfach nur gute Abendunterhaltung gesucht hat.

„Vikings“ gibt’s doch schon?!

Doch war das Ziel von Netflix und den Machern nun eine möglichst akkurate historische Darstellung in eine fiktionale Serie zu pressen? Oder sollte das Projekt vielmehr eine deutsche Version des Amazon-Erfolgstitels „Vikings“ werden? Vom Marketing bis zur Auswahl der Charaktere deutet einiges auf diese Vermutung hin: Das fängt an beim Oberbegriff „Barbaren“ bzw. „Barbarians“, der den Titel der Serie bildet: Denn sowohl bei Barbaren als auch Wikingern dürfte die Erwartungshaltung der Zuschauer:innen klar sein: harte, streitlustige Männer mit nackten Oberkörpern und primitiven Waffen. Genau das lieferte „Vikings“ und genau das bekommen auch die Zuschauer von „Barbarians“ zu sehen. Auffällig, dass „Tusnelda“ der einzige weibliche Hauptcharakter der Serie optisch und charakterlich der „Lagartha“, dem einzigen weiblichen Hauptcharakter aus „Vikings“ stark ähnelt. Beide sind große, blonde, taffe Frauen, die sich in der, im wahrsten Sinne des Wortes, barbarischen Männerwelt ihrer Zeit gegen übergriffige, grapschende und vor Klischees nur so strotzende Männer behaupten müssen. Doch natürlich gibt es in beiden Serien den einen Mann, der doch Gefühle zeigt, der „Lagartha/Tusnelda“ als die starke Frau erkennt, die sie ist. So will es die Marktforschung.

Jeanne Goursaud als Lagartha, ääh, Thusnelda. Spielt gut, trotz undankbarer Rolle. (c) Netflix

Die Varusschlacht – der Deutschen Mythos?

Spannender als diese Klischee-Lovestory, ist die Frage, ob „Barbaren“ der Startschuss für das Wiederaufleben eines alten historischen Narratives der Deutschen bildet: Denn während die Varusschlacht heute meist nur das Interesse historisch interessierter Bildungsbürger auf Museumsurlaub im Teutoburger Wald weckt, spielte sie als Mythos der deutschen Geschichtsschreibung einst eine große Rolle und diente bis zum Untergang der Nazis im historischen Narrativ des Deutschen Reiches als vermeintliche Geburtsstunde des deutschen Volkes.

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Von der Bildung eines geeinten deutschen Volkes lässt sich jedoch erst ab 1871 sprechen. Denn tatsächlich geriet die Varusschlacht nach Untergang des römischen Reiches über das Mittelalter hinweg in Vergessenheit. Selbst die Bezeichnung „Germanien“ war im deutschen Kulturraum noch immer ungebräuchlich. Erst als die Schriften des Tacitus von humanistischen Philologen wiederentdeckt und verbreitet wurden – die germanischen Stämme hinterließen keine eigenen Schriften – entstand im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation mit der Zeit ein großer Historienkult um die Varusschlacht und die Germanen.[3] Arminius verklärten sie zum ersten deutschen Nationalhelden, nach dem alle gesucht hatten. Der Cherusker war als „Hermann“ in der Rezeption wiedergeboren. Von nun an war Arminius Objekt der historischen Legitimation des aufkeimenden deutschen Nationalismus. Der Name Hermann geht hierbei wohl auf Martin Luther zurück, der schrieb, Arminius sei der Deutschen „Heer man“[4], der Anführer des Heeres. Martin Luther wiederum verglichen protestantische Humanisten ab dem 18. Jahrhundert mit Arminius, da auch er sich gegen Rom, beziehungsweise die römisch-katholische Kirche, wandte.[5] Es entstand ein Kontinuitätsglaube, dass die Germanen die „unmittelbaren Vorfahren“[6] der Deutschen gewesen seien. Noch in Schulbüchern des deutschen Kaiserreiches war Arminius „Befreier Deutschlands“ und „Integrationsfigur“.[7] Vor dem Ersten Weltkrieg beschworen Geschichtsschulbücher abermals zur Vereinigung der „Germanen“ gegen den „Erbfeind“[8] Frankreich.

Arminius als „heldenmütiger Jüngling“ (aus: Bilder aus der vaterländischen Geschichte für hessische Schulen, 1912, online hier) [8]

Diese „unsinnige Gleichsetzung“[9] von Germanisch und Deutsch verdeutlicht eine romantisierende Vorstellung des Volks als eine Schicksalsgemeinschaft, die in der Geschichte ewig zurückreicht.

Kehrt diese mit „Barbaren“ nun in die deutsche Öffentlichkeit zurück? Jedenfalls ist es ein wiederkehrendes Motiv in „Barbaren“, dass sich die einfachen Leute der germanischen Stämme gegen einen gemeinsamen Feind stellen müssen, der genauso skrupellos-brutal ist, wie technisch überlegen. Diese Deutschen, Pardon, diese hochdeutsch sprechenden Germanen sind in „Barbaren“ endlich in der Opferrolle und keine Täter und großkotzigen Technokraten, wie in den meisten anderen Filmen und Serien zur deutschen Geschichte.

Wie man historische Anspielungen in fiktive Handlung gut einbindet, zeigte einst Game of Thrones mit den Dothraki

Einige Lichtblicke gibt es doch!

In „Barbaren“ spielt Laurence Rupp den Arminius (mitte hinten). (c) Netflix.

Infotainment, Vikings-Abklatsch und Geschichtsmythifizierung? Ist „Barbaren“ denn so schlecht? Nein, denn immer dann wenn die Serie beginnt eine Geschichte von Menschen und nicht eine Geschichte aus Geschichtsbüchern zu erzählen, können die Schauspieler das tun, was sie wirklich gut können: Schauspielern – mit Emotion und Charisma. Sollte die Serie floppen, an der Besetzung hat es nicht gelegen: David Schütter, der bereits in „4 Blocks“ den skrupellosen Immobilienhai grandios spielte, weis auch in „Barbaren“ seiner Rolle, wann immer es das Drehbuch erlaubt, eine gewisse charakterliche Tiefe zu geben. Auch Jeanne Goursard, so sehr ihre Rolle auch von „Vikings“ entlehnt ist, spielt den Racheengel ihres Dorfes überzeugend. Beides funktioniert jedoch nur bis lächerliche Sätze wie „Lass uns einen Vogel jagen“ (gemeint ist der römische Adler), die Dialoge in ihr kitschig-historisches Setting zurückbringen.

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Quellen

[1] „Germanen“ ist ein römischer Sammelbegriff für die Stämme nördlich der Alpen. Stämme wie die Cherusker oder Sugambrer identifiziert sich als eigenständig und lebten teils nomadisch, teils in losen Dorfstrukturen. In der Zeit rund um die Varusschlacht rückten nun die Römer unter Varus vor, die bereits die teils von germanischen, teils keltischen Stämmen besiedelten Gebiete westlich des Rheins in ihr Reich eingegliedert hatten (Germania superior, Germania, inferior): Dreyer, Boris: Arminius und der Untergang des Varus: warum die Germanen keine Römer wurden, Stuttgart 2009, S. 23-24.

[2] „Barbarians“ war das letzte“ Kaptorga“-Projekt: https://kaptorga.de/Referenzen/ (abgerufen am 26.10.2020).

[3] Dreyer: Arminius und der Untergang des Varus, 2009, S. 225.

[4] Moosbauer: Die Varusschlacht, 2009, S. 113.

[5] Ebd.

[6] Puschner: „Hermann, der erste Deutsche“ oder: Germanenfürst mit politischem Auftrag: Der Arminius-Mythos im 19. und 20. Jahrhundert, 2012, S. 261.

[7] Arens: Kampf um Germanien, 2008, S. 17.

[8] Für weitere Schulbücher des deutschen Kaiserreichs siehe Online-Schulbucharchiv des Georg-Eckert-Instituts für Schulbuchforschung (GEI): http://gei-digital.gei.de/viewer/browse/kaiserreichgeschichtsschulbuecher/-/1/-/-/ (abgerufen am 27.10.2020).

[9] Moosbauer 2009, S.115.

Veröffentlicht von

Joschka

Joschka Büchs ist freier Journalist und schrieb bereits für mehrere lokal und regional erschienende Zeitungen und Magazine in Braunschweig und Gießen. Aktuell schreibt er an seiner Masterarbeit im Master Zeitgeschichte (Universität Potsdam)

Ein Gedanke zu “„Barbaren“ – Wikinger, Mythen und viel Guido Knopp”

  1. Also wie bei dir Langeweile aufgekommen ist kann ich mir wirklich nicht erklären.
    Vielleicht ist die Langeweile durch Coronavirus bei dir schon chronisch! 😂
    Ich bin an spannende Serien gewöhnt aber bei „Barbarians“ saß ich fasst nur mit offenem Mund vor dem Fernseher. Und das das auch noch relativ, wie von dir bestätigt, historische Authentizität besitzt, da bin ich jetzt noch mehr erstaunt.
    Die Hauptdarsteller ziehen einen komplett in den Bann und Jeanne Goursaud‘s Thusnelda wünscht man sich ja seiner Tochter mal direkt als feministisches Idol!
    Obwohl Folkwin und Arminius meiner Meinung auch zu verdienten Idolen taugen würden.

    Eine deutsche Produktion die eine wichtige Schlacht der frühen deutschen Geschichte so aufarbeitet das ich mich heutzutage damit identifizieren kann verdient meinen Applaus.

    Das dir dabei Langeweile aufgekommen ist tut mir ehrlich leid, aber alles kann ja nicht immer jeden gleich gefallen, nicht wahr? 🙂

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