„Oh Junge!“ – Die Geschichte einer Deutschrap-Ad-Lib


Mit dem Aufstieg des Rappers RIN zu einem der erfolgreichsten Rap-Artists der Bundesrepublik machte dieser auch eine Ad Lib als sein Markenzeichen berühmt: „Oh Junge“. Diesem Markenzeichen widmete der Rapper nun gemeinsam mit Kool Savas einen gleichnamigen Track, der auf dem Album des Producer-Teams KitschKrieg erscheint

Im Track bildet der Ausruf „Oh Junge“ einen Teil des Refrains. Das Feature von RIN mit Kool Savas, dem selbsterannten King of Rap der älteren Generation, stelllt eine Art Anerkennung von RIN durch die alte Garde des Rap dar. So banal wie der Ausruf „Oh Junge“ wirken mag, so verbirgt sich dahinter eine Geschichte, die hier endlich, endlich erzählt werden muss.

Wie das nacktegedanken-Datenanalytikteam ermittelte, nutzte RIN den Ausruf „Oh Junge“ in insgesamt 24 Songs (Features eingeschlossen). Ausrufe wie diese werden auch „Ad lib“ genannt.  Diese „Ad libs“, sind oftmals beim Rappen improvisierte, kurze Wörter, welche die Pausen zwischen den Versen überbrücken sollen, damit der Wortfluss nicht unterbrochen wird. „Ad lib“ leitet sich vom lateinischen Ad libitum ab, was soviel wie „nach Belieben“, bedeutet.

Klassische Ad libs im Rap sind Ausrufe wie „Yeah“ oder „Ey“. In den letzten Jahren sehr beliebt waren die Ad libs, „Skrrt“ oder „Sheesh“, die wohl der Trap-Szene von Atlanta, USA entstammen. „Skrrt“ ist die lautmalerische Darstellung von quietschenden Reifen, beispielweise bei einem driftenden Auto, während „Sheesh“ angeblich eine Abwandlung von „Geez“ darstellt, was wiederum eine Abwandlung von „Jesus“ (englisch ausgesprochen) darstellt. „Sheesh“ ist quasi die Rap-Variante vom Ausruf „Oh mein Gott“.

RIN benutzt „Oh Junge“ seit 2016 als Ad Lib. Bei „Curtis“, dem ersten Track mit Erwähnung des Ausrufs, sagt der Bietigheimer 32 Mal  „Oh Junge“. Auf seinem letzten Album „Nimmerland“ kommt die Ad Lib in jedem Track, bis auf einem, vor.

Doch RIN war nicht der erste deutsche Rapper, der diesen Ausruf in seine Songs einband. Vielmehr war es der Offenbacher Straßenrapking Haftbefehl, auf dessen Track „1999 pt.1“ die Ad Lib „Oh Junge“ insgesamt sieben Mal vorkommt. Der Track stammt von dem heute bereits unter Fans als Klassiker geltenden Album „Russisch Roulette“ aus dem Jahr 2014, das zwei Jahre älter ist als RINs Track „Curtis“.

Doch auch Haftbefehl war nicht Urheber des Ausrufs, den dieser findet sich auf „1999 pt. 1“ als Sample, also als Tonspur, die von einer anderen Quelle stammt. Doch woher? Der Offenbacher sampelte den Ausruf von niemand geringerem, als dem King of Cartoons: Mickey Maus.

Den Ausruf „Oh Junge“, im amerikansichen Original „Oh Boy“ verwendet die Zeichentrick-Maus bereits nachweislich seit den 1940er Jahren. Niemand geringes als ihr Erschaffer Walt Disney, welcher der Maus bis 1948 seine Stimme lieh, prägte die aufgeregte und neugierige Art und Weise wie die Mickey Maus bis heute spricht. Ursprung des Ausruf war wohl, dass Walt Disney die Maus mit ihrem Hund Pluto reden ließ. Hunde in den USA werden oft von ihren Besitzern als “ good boy“ bezeichnet, wenn sie auf Kommandos hören. In folgendem Mickey-Maus-Kurzfilm von Ende der 1940er Jahre ist der Ausruf bei 0:45 min zu hören:

Somit ist der Ausruf als Teil der Popkultur weit älter als das ganze Hip-Hop-Genre, doch erst der Einfall von Haftbefehl beziehungsweise seines Producer-Teams machte „Oh Junge“ zur Deutschrap-Ad Lib, RIN wiederum machte „Oh Junge“ zu seinem Markenzeichen, das so häufig vorkommt, dass es eine Art lyrische Watermark seiner Tracks bildet.

So banal wie der Ausruf „Oh Junge“ zunächst erscheinen mag, verdeutlicht seine Geschichte, wie Hip-Hop und Rap seit jeher funktoniert haben: Altes aufgreifen, sampeln und verändern um etwas Neues zu Erschaffen. Dass sich Rapper sogar an historischen Figuren bedienen, um politische Botschaften zu vermitteln, zeigte bereits Kendrick Lamar, deren Schaffen um die beiden Klassiker-Alben „To Pimp A Butterfly“ und Good kid, m.A.A.D. City“ hier auf dem Blog als Analyse zu lesen ist.

Du willst keine neuen Artikel von nacktegedanken.com verpassen? Dann melde dich jetzt für unseren E-Mail-Newsletter an. Einfach E-Mail-Adresse eintragen und Artikel (und sonst nix!) ins Postfach erhalten.

Veröffentlicht von

Joschka

Joschka Büchs ist freier Journalist und schrieb bereits für mehrere lokal und regional erschienende Zeitungen und Magazine in Braunschweig und Gießen. Aktuell schreibt er an seiner Masterarbeit im Master Zeitgeschichte (Universität Potsdam)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s