RIN Tötet Rap andere Genres?

Tötet Rap andere Musik-Genres?


Rap dominiert seit ein paar Jahren die Charts, selbst auf den ersten Plätzen bei Alben und Singles nehmen fast ausschließlich Rapper Platz. Tötet Rap die Musikvielfalt?

Es war 2007 auf dem Ballermann als Jürgen (der von Zlatko und Jürgen) die Massen zum toben brachte. Mit seinem damaligen Hit: „Hip Hop ist halbschwul“ zog er her über die offenbar von der breiten Bevölkerung verlachten Hip-Hopper. Mit dabei Zeilen wie:

„Die Rapper sind so hässlich, die müssen Masken tragen/

Und jeder wohnt im Ghetto, da musst du nicht lang fragen/

Oooh Hip Hop hau ab (eyo)“

Heute, etwa 11 Jahre später, hätte Jürgen ein hartes Los mit dem Song im Mainstream anzukommen, denn: Hip Hop hat die Welt erobert. Blickt man in die aktuellen Top 50 der Charts beim Streaming-Dienst Spotify sind über zwanzig davon Rap-Songs oder Songs mit Rappern als Feature-Gast (Stand: 08.01.2019). Gerade in Deutschland dominiert der Hip-Hop beinahe den kompletten Mainstream: Aus den aktuellen Top Zehn auf Spotify gibt es nur zwei Songs in denen nicht gerappt wird. (Anteil Hip Hop insgesamt: 25/50). Im Frühjahr schallt es aus den Boxen „Benzema“ (Mero, Platz 1), „Baller Los“ (Mero, Platz 4). oder „Tausend Tatoos“ (Sido, Platz 5). Wie kam es dazu?

I. Rap passt sich an

Ich will hier nicht die altbekannte Geschichte des Hip Hop erzählen, wie Advanced Chemistry den Concious-Rap auf Boom Bap Beats nach Deutschland bracht, wie Fanta 4 die ersten Charterfolge des Genres erzielten oder wie Anfang der 2000er aggressiver Gangster-Rap rund um Aggro Berlin das Land spaltete. Doch unverkennbar ist: Hip Hop ist ein Genre, das sich immer stetig verändert hat. Wichtiger noch: Es hat sich erweitert und immer schamlos anderer Genres bedient. Es gibt einen Casper, der mit einer Band auftritt die vom Aussehen genauso gut in die Hardcore-Szene passen könnte. Es gibt auf der einen Seite einen Cro, der seine Musik zeitweise als Raop, als Rap-Pop bezeichnete und auf der anderen Seite Kollegah, dessen teils grenzwertige Texte fast nur aus Wortspielen bestehen, die sein lyrisches Gegenüber erniedrigen sollen. Das bemerkenswerte daran: Beide, Cro und Kollegah, werden trotzdem dem gleichen Genre zugeordnet, könnten sogar einen Song zusammen machen ohne allzu großen Stilbruch

II. Rap ist schnell

Rap ist längst zu dem geworden, was einst die Schülerband war: Ein Jugendhobby: Jugendliche, die heute Musik machen wollen, lernen nicht zwangsläufig ein Instrument, sie schreiben einfach einen Text, laden sich einen Beat von YouTube runter und sind plötzlich Rapper oder sie ziehen sich Abelton von irgendeiner Festplatte und basteln Beats zusammen. Dieser leichte Zugang ist ein starker Grund für die allmähliche Dominanz von Hip Hop in Deutschland: Während eine Rock-Band erst einmal ihre Instrumente gut genug beherrschen muss, teures Equipment braucht, um überhaupt spielen zu können, wochenlang proben muss, bis Bass und Gitarre aufeinander abgestimmt sind, reicht für Rap ein Laptop zum Beats produzieren und ein Mikrofon zum aufnehmen. Während bei Bandcontests die Gruppen ihre meist über Monate produzierten Songs präsentieren, finden im Internet Battlerap-Turniere statt, wo die Nachwuchs-Rapper im Zwei-Wochenrhythmus Songs mit Video veröffentlichen (siehe VBT auf YouTube).

Fing in der Schulzeit an zu Rappen und brachte 2017 den erfolgreichsten Deutschrap-Song aller Zeiten heraus: Bausa

Auch bei den Szenegrößen des Hip Hop geht es schneller als in anderen Genres: Lange war es die Praxis vieler Rapper, ein Album pro Jahr zu releasen. Doch der Markt ist noch schneller geworden. Durch den Einfluss von Streamingdiensten wie Spotify oder Apple Music bringen Rapper immer seltener Alben mit mehr als zehn Liedern raus, sondern lieber EPs oder direkt nur noch einzelne Lieder. Das Paradebeispiel ist Trettmann, der innerhalb der letzten zwei Jahre vier EPs herausbrachte und ein Album. Aus kommerzieller Sicht sind Alben längst obsolet geworden, da das Streaming-Geld vor allem durch einzelne Hits verdient wird, die in möglichst viele Playlisten passen. Damit können die Top-Acts anderer Genres kaum mithalten. Manche von ihnen machen deshalb jetzt Songs mit Rappern, wie jüngst Rammstein-Sänger Til Lindemann mit Haftbefehl, Herbert Grönemeyer mit BRKN oder Arnim Teutoborg-Weiß mit Marteria (Als Teutilla bei „Aliens“). Die Künstler anderer Genres tun dies nicht zwangsläufig aus kommerziellen Gründen, doch es zeigt, wie gut Rap in der Musikszene insgesamt vernetzt ist.

III. Rap ist eine Vermarktungsmaschinerie ohne doppelten Boden

Rappern schadet es nicht, wenn sie ganz offen Musik nur des Geldes wegen machen oder von Marken gesponsert werden. Im Gegenteil: Da sozialer Aufstieg eines der Leitmotive vieler Raptexte ist, können Rapper sogar ihren Fans ins Gesicht sagen, dass sie auf kommerziellen Erfolg aus sind

Bestes Beispiel Ufo361 – der, nebenbei bemerkt, in 2018 ganze 30 Songs auf zwei Alben herausbrachte. Er rappt auf seinem Song Beverly Hills:

„Kennst du das Gefühl wenn alles sich ums Geld dreht und du stellst dir einen ein, nur damit er für dich dein Geld zählt?“

Rapper als Markeninfluencer zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Beim aktuellen Album des Rappers RIN trugen gleich 7 der 12 Songs die Namen bekannter Marken – von Nike bis Chanel. Ob bei jedem Song ein Sponsoring-Vertrag dahintersteckt ist fraglich, vielmehr stellt die Markennennung mittlerweile ein Stilmittel bei Rap an sich dar. Selten ist eine Line so oft in anderer Form neu aufgelegt worden wie RINs: „Es ist 12 Uhr ich kauf mir Surpreme“ in Anspielung auf die Bekleidungsmarke Surpreme, die jeden Donnerstag um 12 Uhr exklusive Artikel in ihren Webshop anbietet. Man könnte eine ganze Liste von Songs anfertigen, die auf diese Line Bezug nehmen.

RIN „kauft sich“ um 12 Uhr surpreme (Video, 0:11 min). Wissen nun die meisten

Ob die Rapper dabei Geld für Markennennungen in ihren Songs kassieren bleibt meist unbekannt, außer beispielsweise als MC Fitti, einer der ersten „Markenrapper“ auffällig oft Autos aus dem Hause Volkswagen erwähnte und sich schließlich offenbarte, dass VW einen umfangreichen Sponsorenvertrag mit ihm hatte. Das die product-placement-freundliche Social Media-Plattform Instagram mittlerweile Facebook an Reichweite überholt hat, kommt den Rappern zusätzlich zu Gute.

IV. Fazit und Meinung:

Rap ist zur dominanten Musikform unserer Zeit geworden, das verdeutlicht die Beobachtung der Charts in Deutschland, den USA und vielen Ländern Europas. Obwohl ich selbst intensiver Rap-Hörer bin, muss ich zugeben: Diese Dominanz des Genres hat viel qualitativ minderwertigen Rotz nach oben gespült. Doch zum einen war das immer ein Phänomen von Pop-Musik – und nicht anderes ist Chart-Rap –zum anderen bringt die Einfachheit mit der sich Rap-Songs produzieren lassen eine gewisse Demokratiesierung der Musik mit sich. Vor allem Angehörige von Minderheiten aus sozial schwachen Gegenden schaffen es mit Hip Hop nach oben und ihr ehemaliges Umfeld bekommt endlich gehör in der Gesellschaft. Auch hier lohnt sich ein Blick in die USA und auf Rapper wie Kendrick Lamar

Auf musikalischer Ebene habe ich lange gehadert, mit den Trends zu immer mehr Autotune und immer gleichförmigen Beats und materialistschen Texten(hallo Trap und Cloud-Rap). Alte Leute werden mir wohl zurufen: Eure Generation wird nie solche musikalischen Genies hervorbringen, wie Mozart, Jimi Hendrix, die Beatles oder Bob Marley. Und ja: Wir müssen aufpassen, dass der Rock nicht ausstirbt. Es darf nicht zur Ausnahme werden, dass Mainstream-Musiker ein Musikinstrument beherrschen. Doch blicke ich auf teilweise auf die textliche Tiefe von Rap-Songs und die Finesse, die viele Beat-Producer besitzen, bin ich überzeugt: Der nächste Mozart ist ein Rapper oder ein Producer und Jürgen (der von Zlatko und Jürgen) kann sich auf seinen Ballermann verpissen.


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Anmerkung: Das Titelbild dieses Artikels ist ein leicht editierter Screenshot aus RINs Musikvideo zu „Dior 2001“.

Anmerkung : Die Spotify-Charts wurden wegen der beliebtheit des Anbieters bei jungen Erwachsenen als beispielhaft verwendet, die ein Drittel seiner Nutzer ausmachen.

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Veröffentlicht von

Joschka

Joschka studiert Geschichte und Fachjournalistik Geschichte in Gießen seit dem Wintersemester 2014/15. Am Schlagzeug entdeckte er seine Leidenschaft für die Musik. Er ist Fan der "Arctic Monkeys" und von Kendrick Lamar. In Geschichte steht er vor allem auf Oldschool-Shit wie Herodot, doch auch Zeitgeschichte ist voll sein Ding. Du findest ihn auf twitter unter @el_buechso

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